Wofuer wir kaempfen by Tino Kaeßner & Antje Kaeßner

Wofuer wir kaempfen by Tino Kaeßner & Antje Kaeßner

Author:Tino Kaeßner & Antje Kaeßner [Kaeßner, Tino & Kaeßner, Antje]
Language: deu
Format: epub
ISBN: 9783424151114
Publisher: Irisiana
Published: 2011-07-10T22:00:00+00:00


Tino hat meine Briefe alle aufbewahrt und mir bei der Hochzeit zurückgegeben. Feldpostbriefe sind für uns Soldaten die wichtigste Brücke in die Heimat, zu den Menschen, die wir lieben. Hier können wir geschützt durch das Briefgeheimnis unseren Liebsten auch sehr intime Gedanken mitteilen, die man beim Telefonieren besser nicht äußert, weil andauernd Leute um einen herumstehen, die auf den nächsten frei werdenden Apparat warten. Das Telefon ist nur da, um die Stimme des geliebten Menschen zu hören – oder für dringende Notfälle, die keinen Aufschub dulden. Der Feldpostbrief aber ist für die Liebe und die geheimen Sehnsüchte, Träume und Wünsche, die Menschen teilen wollen.

Deswegen gab es auch einen Aufschrei der Empörung, der von Afghanistan durch die ganze Bundeswehr bis in den Bundestag hallte, als im Januar 2011 der Skandal um geöffnete Feldpostbriefe in Mazar-i-Sharif bekannt wurde. Das Öffnen war illegal, ein Verstoß gegen das Briefgeheimnis – und nebenbei eine große Schweinerei. Später stellte sich zwar heraus, dass es nur 30 bis 40 Schreiben gewesen waren – aber da war jeder Brief einer zu viel.

In allen Armeen weiß man, wie wichtig der Kontakt der Soldaten zu seinen Angehörigen oder zur Freundin ist. Liebeskummer kann einen wahnsinnig machen. In der Bundeswehr sind es fast eine Million Briefe und mehrere Hunderttausend Päckchen, die jährlich weltweit in die Einsatzgebiete und zurück in die Heimat versendet werden. Für mich waren die Briefe damals die Rettung, ein Stück Papier, das um die halbe Welt reiste, um mich mit dem Menschen zu verbinden, den ich liebte. Wenn ich heute meine ersten Briefe aus dem August 2003 lese, dann wirken sie auf mich seltsam oberflächlich, belanglos, nach dem Motto: »Wetter gut. Essen gut. Unterkunft okay.« Wenn ich heute vergleiche, was ich damals an Tino geschrieben habe und wie intensiv ich damals an ihn gedacht habe, geben diese Briefe nicht annähernd das wieder, was ich gefühlt habe und was ich eigentlich erreichen wollte: Dass Tino sich an mich genauso intensiv erinnert. Andererseits konnte ich noch nicht über meinen Schatten springen und zu viel Gas geben, weil bei mir dann alle Dämme gebrochen wären. Und so stand ich emotional auf der Bremse. Ich wusste: Diesmal wollte ich sehr vorsichtig vorgehen. Keine Verpflichtungen. Keine Verletzungen. Ich kannte Tino ja noch nicht so genau und wollte ihm auch nicht unnötig auf die Nerven gehen, sondern herausfinden, ob er sich meldet, wenn von mir nichts kommt. Ich habe versucht, Kontakt zu halten, was gar nicht so leicht war wegen der Zeitverschiebung von mehreren Stunden, wenn wir telefonieren wollten. Bald hatte ich herausgefunden, dass Tino eher mit dem Mountainbike die Zugspitze hochfährt, bevor er einen Brief schreibt. Das ist heute noch so. Er dreht und windet sich, es bereitet ihm Pein, wenn er vor einem leeren Blatt sitzt und etwas schreiben soll – vor allem, wenn es um Gefühle geht. Dabei ist er eigentlich einer der emotionalsten Männer, die ich je kennengelernt habe.

Ich werde jetzt mal das Briefgeheimnis freiwillig lüften und einen Einblick in das einsame Herz eines Soldaten geben, der an Schlafmangel und



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